Mein Portfolio: Nicht nur Aktien!

Mein Portfolio: nicht nur Aktien!
Lesezeit 8 min

Du hast im letzten Teil die grundlegende Diversifikationsstrategie kennengelernt und die Vergleiche zu den anderen gängigen Ansätzen mitverfolgen können. Für den Aufbau eines gut diversifizierten Portfolios, das deine Erwartungen an Rendite und Risiko bestmöglich abbildet, kommt es jedoch noch auf weitere Faktoren an.

Einer dieser Faktoren, eigentlich der wichtigste Schritt überhaupt, bevor man sich für einzelne Produkte und deren Gewichtung entscheidet, ist die Anlagestrategie. Diese besagt, wieviel Prozent deines Anlagevermögens du in die Assetklasse Aktien stecken möchtest. Klassischerweise legst du den Rest dann in irgendeiner Form in Anleihen an oder belässt das Geld als direkt verfügbaren Cash auf einem Konto. Ironischerweise gelten Anleihen und Cash als risikoarm, weisen jedoch historisch auf längere Frist die nachhaltigeren Verlustrisiken auf als Aktien. Schuld daran ist die Inflation, denn langfristig decken die Zinsen auf Cash und Anleihen diese in den seltensten Fällen. Das gilt nicht nur für die aktuelle Nullzinsperiode der letzten zehn Jahre.

Es gibt allerdings noch weitere interessante Assetklassen, und um diese geht es heute.

Die Wahl der Anlagestrategie

Beispiel einer Anlagestrategie
Beispiel einer Anlagestrategie

Verschiedene Studien zeigen, dass die angesprochene Anlagestrategie mit 70 bis 80 Prozent der wichtigste Erfolgsfaktor für den langfristigen Anlageerfolg darstellt. Die Diversifikationsstrategie steuert nur noch 15 bis 20% bei, und die letzten fünf bis zehn Prozent fallen letztlich auf die Auswahl der passenden Produkte.

Je länger dein zeitlicher Anlagehorizont ist, und je problemloser du auf das investierte Geld im schlimmsten Fall verzichten kannst, desto höher kannst du prinzipiell den Anteil der Aktien an deinem Portfolio wählen. Dabei musst du «nur noch» berücksichtigen, wie viel Volatilität du beim Blick in deinen Depotauszug ertragen kannst. Volatilität ist die sogenannte Schwankungsbreite eines Wertpapiers.

Wenn du etwa eine Aktie betrachtest, die eine erwartete Rendite von ca. 10% pro Jahr hat mit einer Volatilität von 25%, dann bedeutet das, dass die Aktie in einem Jahr auch mal -15% «Rendite» einfahren kann, und zwar genau mit der gleichen Wahrscheinlichkeit, in der sie in einem anderen Jahr sogar 35% Rendite abwerfen kann. Wenn du noch nie einen richtigen Crash an der Börse mitgemacht hast, kann ich dir mit sehr hoher Sicherheit auf den Kopf zusagen, dass du deine Risikotragfähigkeit überschätzt.

Das ist allerdings nicht schlimm – so lange du im Fall des Falles die Zähne zusammenbeisst und auf keinen Fall verkaufst. Disziplin, oder wie namensgebend für meine Domain Kontinuität, ist das ausschlaggebende Stichwort. Eine Stütze kann dir dabei folgender Gedanke sein: noch nie in der Geschichte der Börse kam es zu Situationen, in denen es länger als zehn bis elf Jahre gedauert hat ein diversifiziertes Weltportfolio nach einem Crash aus den Miesen zu holen. Ich kann es auch wie folgt ausdrücken: mit Ausnahme einzelner weniger Länder ist noch nie ein Index um mehr als 80% eingebrochen (und das war 1929 bereits eine riesige Ausnahme). Nach oben hin sind die möglichen Gewinne jedoch unbegrenzt.

Mein Portfolio: Risikoklassen
Mein Portfolio: Risikoklassen

Nutzt du während eines Crashs sogar mutig die Chance, dein Depot günstig aufzustocken, bist du in aller Regel sogar viel früher bereits wieder in der Gewinnzone.

Selbstverständlich kann dir niemand versprechen, dass so etwas wie die Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht noch einmal geschieht, geschweige denn, dass es dann nicht vielleicht sogar zu noch schlimmeren Kursstürzen kommen könnte. Ich bin jedoch der Meinung, dass die denkbaren Szenarien die so etwas auslösen uns allen auf der Welt dann so viele andere Sorgen bereiten werden, dass ein paar Bits und Bytes auf einem Computer eh keine Rolle mehr spielen würden. Und für solche Szenarien hast du dein Humankapital, deine Skills, in petto.

Niemand wird dir seriös raten können, welche Aktienquote und welche Anleihenquote für dich die richtige ist. Das kannst nur du ganz allein für dich herausfinden.

Was ich dir allerdings zeigen kann ist, dass es neben Aktien und Anleihen noch weitere Assetklassen gibt. Denn bislang hast du erst rund 70% meines Portfolios kennengelernt, und ich habe für mich eine ganze Reihe von möglichen Anlageklassen nach und nach ausgeschlossen.

Vervollständigung meiner Anlagestrategie

Weitere 20% meines Wertpapierportfolios teile ich wie folgt auf:

  • 8% des Depotwertes sind in zwei ETFs auf Emerging Markets Anleihen investiert, die in US-Dollar notieren. Die haben beim März-2020-Dip etwas gelitten und sich bis heute noch nicht wieder vollständig erholt, sondern laufen im Gegenteil seit Q3/2020 sogar nur noch seitwärts. Sie sind ein steter Strom passiven Einkommens in Form monatlicher Zinsausschüttungen, und dank dieser Ausschüttungen liegt dieser Teil komfortabel im Plus. EM-Anleihen korrelieren in den letzten 15 Jahren erstaunlich wenig mit EM-Aktien (unter 0.5) und sehr wenig mit allen anderen Märkten und Assetklassen (teils sogar leicht negativ, im Mittel unter 0.25).
  • Weitere 8% des Depots stecken in einem ETF auf Wandelanleihen. Die Entwicklung dieser Position hat phasenweise in den letzten 24 Monaten, insbesondere direkt nach dem Coronacrash, sogar den S&P500 geschlagen. Wandelanleihen sind seit 2006 (damals noch mit dem Lilux Convert II) fester Depotbestandteil für mich, weil sie in Haussephasen sehr stark mit Aktien korrelieren und in Baissephasen mit Anleihen. Den Lilux konnte ich 2016 endlich gegen einen preiswerteren ETF ersetzen.
  • Die restlichen 4% sind in einem REITS-ETF investiert, also einem ETF auf einen Index, der börsennotierte Immobilienunternehmen repräsentiert. Dieser ersetzt mir die direkte Immobilieninvestition und spiegelt den wahren Wert von Immobilien wesentlich besser wider als es ein echtes Stück Betongold oder die klassischen Offenen Immobilienfonds je könnten. Mit Offenen Immofonds habe ich mir nach der 2008er Finanzkrise eine blutige Nase geholt und würde sie im Leben nie mehr anrühren (und von den Immo-Crowdlending-Plattformen lasse ich zugunsten des REITS ebenfalls die Finger).

Die verbleibende Cashquote von 10%, die ich immer dem Depot zurechne, steckt teilweise in einem Anleihen-ETF und teilweise liegt sie auf dem Tagesgeldkonto. Letzteres brachte bis zum Ausbruch der Finanzkrise mal 4.5% p.a., heutzutage unvorstellbare Werte.

Warum habe ich Anleihen im Depot, obwohl ich doch an anderer Stelle bereits geschrieben habe, dass ich in AHV, Pensionskasse und der Rentenversicherung schon viel zu viele Anleihen stecken habe? Ganz einfach: ich benötige etwas Cash und Anleihenquote fürs jährliche Rebalancing, denn wer verzichtet schon freiwillig auf den einzigen Free Lunch im Börsenhandel?

Weitere in Frage kommende Assets

Es gibt noch einige Assetklassen, auf die ich im Portfolio bewusst verzichte. Über Betongold a.k.a. Immobilien habe ich bereits geschrieben. Eine weitere Assetklasse sind Rohstoffe aller Art. Das kann Gold sein, das können alle möglichen Metalle sein, aber auch Nahrungsmittel oder Energieträger. An sich wären Rohstoffe durchaus eine interessante Klasse, da sie einen guten Hedge gegen Inflationsrisiken darstellen könnten.

Rohstoffe

Dummerweise ist die Investition in Rohstoffe ziemlich tricky, denn du kommst als Normalsterblicher nicht wirklich an die Rohstoffe heran (Ausnahme: Gold, Silber physisch kaufen), sondern nur indirekt in Form von ETFs bzw. ETCs (Exchange Traded Commodities). Die kaufen aber die Rohstoffe auch in der Regel nicht physisch (wer will schon Schweinebäuche jahrelang lagern?), sondern investieren die Anlegergelder in sogenannte Futures.

Die Handhabung von Futures ist nicht jedermanns Sache, weil es in gewisser Hinsicht noch komplexer ist sich in die Thematik einzuarbeiten als bei Anleihen. Ich hatte von Ende 2011 bis im Sommer dieses Jahres einen ETF auf Rohstoff-Futures im Depot, der jeweils nicht in den nächsten Future rollte, sondern immer drei Monate im Voraus und dadurch eine gewisse Glättung erreichen konnte. Das Ding verhielt sich jedoch über weite Strecken der Anlageperiode in für einen Nichtinsider irrationaler Weise – so fiel die Notierung beispielsweise jahrelang trotz steigender Rohstoffpreise. Der Grund: die Kursentwicklung der Rohstoffe muss unerwartet geschehen, um sogenannte Rollgewinne einstreichen zu können. Deshalb zog der zugrundeliegende Index auch erst ab Frühjahr 2021 auf einmal an.

Ich habe für mich festgestellt, dass ich an dem ETF auf Dauer keine Freude haben würde, also habe ich im Sommer Kasse gemacht und das Geld auf die anderen Assets verteilt.

Gold als Assetklasse

Physisches Gold wird gerne als Inflationshedge betrachtet. Das Doofe dran: Gold wirft für sich genommen keinerlei Erträge ab, sondern sein Wert wird allein danach beurteilt, ob Gold gerade besonders gefragt ist oder nicht. Das konnte in der Vergangenheit für mehrere Jahrzehnte in die Hose gehen, und schlimmer noch, gab es immer wieder Phasen in denen Privatpersonen der Besitz von Gold komplett verboten wurde. Selbst für einen Prepper wäre Gold meines Erachtens nichts: wenn ringsum die Welt kollabiert, will niemand Gold haben, sondern dann sind Sprit, Schnaps, Zigaretten, haltbare Medikamente, Solarzellen und Windräder und Skills die Ersatzwährungen der Wahl. Ergo: liebes Gold, leider keine Rose für dich von mir.

Private Equity und Crowdinvestments

Private Equity wird gern von den richtig grossen Profis eingesetzt, z.B. Harvard, Yale, Hedgefonds. Das sind häufig Unternehmensbeteiligungen insbesondere an Startups, die naturgemäss einerseits extrem riskant sind (acht bis neun von zehn Startups gehen hops und sind ein Totalverlust), andererseits extreme Gewinnspannen versprechen. Wer hätte in der Rückbetrachtung nicht gern zur Jahrtausendwende die Chance gehabt mit ein paar zehntausend Franken in Google oder Facebook einzusteigen? Für die meisten von uns ist echtes Private Equity ausser Reichweite.

Vor etwa zehn Jahren entstand unter Anderem aus der Idee heraus, Startups die Finanzierung zu vereinfachen und Private Equity greifbarer zu machen, die Crowdinvesting-Szene. In der Schweiz und in UK gibt es einige Plattformen, die echtes Equity anbieten, und das läuft wohl auch recht gut. Was du hingegen in Deutschland oder Österreich bekommen kannst, ist aufgrund gewisser Regularien (Stichwort Prospektpflicht) praktisch ausschliesslich in Form sogenannter Partiarischer Nachrangdarlehen verpackter Mist. Ich habe ab ca. 2012 ein paar tausend Franken «crazy money» für Experimente dieser Art investiert, als die allerersten Crowdinvesting-Plattformen entstanden.

Zwei Drittel der Startups, in die ich investierte, gingen mehr oder minder schnell pleite, ein Investment hat kurzerhand dichtgemacht als das Geld der Crowd verbrannt war («ich habe kein Bock mehr und mach jetzt einfach was neues auf»), eine Investition in eine Filmproduktion war letztlich ein Scam, und aus zwei meiner Investments wurde die Crowd so schnell wie möglich rausgeworfen, kaum dass Gewinn oder ein Grossinvestor in Sicht waren. Letztlich hat es genau eine Investition rausgerissen, die mir Faktor 58 an Gewinn in nur sechs Jahren einbrachte und sämtliche anderen Verluste weit überkompensiert hat.

Heute halte ich nur noch eine Investition in der Schweiz in Form einiger echter Aktien, die im Portfolio kaum ins Gewicht fällt.

Unternehmensanleihen

ETFs auf Unternehmensanleihen habe ich mir auch vor Jahren mal genauestens unter die Lupe genommen. Hohe Korrelation mit dem jeweiligen Aktienmarkt ohne echten Diversifizierungseffekt. Ohne Mehrwert war ich da ebenfalls raus, denn meine geliebten Wandelanleihen haben sich in etlichen Analysen und Monte Carlo-Simulationen als sinnvoller und robuster erwiesen.

P2P-Kredite aller Art

Zuletzt möchte ich P2P-Kredite nicht unerwähnt lassen. Auch das Experiment habe ich mit der estnischen Plattform Bondora (als ich damit anfing, nannte sich das Unternehmen noch Isepankur) mit ein paar hundert Euro durchgespielt. Für mich persönlich stimmt das Verhältnis aus Chancen und Risiken nicht. Für dieselben Chancen kann ich mit ETFs wesentlich weniger Risiko haben und bin erheblich liquider. Hoëcker ist also raus.

Holz

Es gibt noch eine Assetklasse, die mich reizen würde: Holz. Es gibt einen tollen Index, den NCREIF Timberland Property Index. Die ganzen mehr oder weniger (zumeist weniger) seriösen Anbieter von Holzplantagenanteilen etc. missbrauchen ihn regelmässig in Charts, um unbedarften Kleinanlegern Sand in die Augen zu streuen. Leider existiert absolut kein ETF auf diesen Index. Jede andere Investitionsform erfordert entweder reichlich Kapital, um sich einen eigenen Wald zu kaufen und zu bewirtschaften, oder ist unseriöser Mist.

Überlege dir folgendes: wenn dir ein Unternehmen für einen «Baumsparplan» oder ähnliches Renditen von 11 bis über 15% pro Jahr in Aussicht stellt, warum investiert der Anbieter nicht selbst jeden greifbaren Rappen, statt dir die Anteile an den Plantagen weiterzuverscherbeln? Die simple Antwort: Das Verhökern der Beteiligungen bringt risikofrei mehr Rendite als mit allen auf dich als Anleger übertragenen Risiken aus den Plantagen zu holen ist. Also: Finger weg.

Auswirkungen der Gewichtung auf die Performance

Es gibt verschiedenste Studien, die untersucht haben, wie sich die verschiedenen Assetallokationen über verschiedene Zeiträume auf die Rendite auswirken. Naive Diversifikation (jedes Land identischer Anteil) und BIP-Gewichtung haben in der Regel über die meisten Zeiträume gegenüber der Allokation nach Marktkapitalisierung die Nase vorn. Lediglich in den letzten nunmehr fast 12 Jahren siegt der simple MSCI World gegenüber komplexer strukturierten Depots haushoch. Das liegt allerdings wie schon angetönt ausschliesslich an der extrem hohen Gewichtung der USA im Index, und dann wiederum nur an einer Handvoll Aktien, die den Rest der Indexwelt vor sich her treiben.

Das ist wie beschrieben mit Japan bereits einmal richtig in die Hose gegangen, und auch die USA waren bereits in zwei Zeitperioden hauptverantwortlich für eine Unterperformance gegenüber der BIP-Gewichtung.

Ausserdem betrachten alle diese Studien immer nur reine Aktienportfolios und ignorieren alle anderen Assetklassen, die aber ebenfalls ins Depot integriert werden sollten, um das Rendite/Risiko-Profil zu schärfen.

Meine konkrete Zusammensetzung und deren Herleitung anhand aktueller PPP-$-BIP-Daten schaue ich mir mit dir im letzten Teil dieser Artikelreihe an.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.