Lotto, oder: Die Deppensteuer

Lotto, oder auch: die Deppensteuer
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Es kam kürzlich in einem meiner Artikel schon vor, und es zieht sich zeitlebens durch meine Wortmeldungen zum Thema: für mich ist Lottospielen nichts anderes als eine Deppensteuer zu zahlen. Das klingt despektierlich oder herabwürdigend, ist aber weniger negativ gemeint. Zumindest in der Schweiz erweisen nämlich sämtliche Lottospieler insbesondere dem Sport und der Suchtprävention einen riesigen Dienst, und das will gewürdigt werden.

Was fürs Lottospielen spricht

Lottospielen hat einen möglichen Vorteil: mit nur einem einzigen Tipp kann man möglicherweise Multimillionär werden, für den Rest des Lebens ausgesorgt haben, «finanziell frei» sein, den eigenen Nachkommen mehr oder minder unermesslichen Reichtum und ein sorgenfreies Leben vererben. Klingt doch toll, oder? Jedoch hat die Sache einen gigantischen Haken, der so gross ist, dass im See oder im Meer kein Fisch da anbeissen würde.

Was gegen das Lottospielen spricht

Denn dieser Haken nennt sich Gewinnwahrscheinlichkeit. Die ist nämlich je nach Lottosystem verschwindend gering. Ich rechne euch das einmal vor:

  • Im deutschen System namens «6 aus 49» liegt die Gewinnwahrscheinlichkeit für Sechs Richtige aus insgesamt 49 Zahlen bei ca. 1 zu 15.5 Mio, kommt noch die Superzahl hinzu (nur die bedeutet den Jackpot), sind es gar 1 zu 139.8 Mio. Jeder Tipp kostet (Stand 2021) 1,20 EUR. Um den Jackpot sicher zu knacken, müsste man also 167.8 Mio EUR für Tipps investieren, bekommt systematisch aber maximal 45 Mio EUR heraus. Der sogenannte «Erwartungswert» für jeden eingesetzten Euro beträgt also magere 26.8% des Einsatzes. Anders herum ausgedrückt: von jedem Euro Einsatz werden dir garantiert mindestens 73.2% «Steuern» abgezogen. Auch wenn man die niedrigeren Gewinnklassen berücksichtigt, sieht es nicht viel besser aus: über alle Gewinnklassen hinweg werden per Gesetz genau 50% aller Einsätze ausgeschüttet, bei einer Chance überhaupt irgendetwas zurück zu erhalten von gerade einmal 3.13%.
  • Im Schweizer System «6 aus 42» liegt die Gewinnwahrscheinlichkeit für Sechs Richtige aus insgesamt 42 Zahlen bei ca. 1 zu 6.29 Mio, kommt noch die Glückszahl hinzu (nur die bedeutet den Jackpot), sind es gar 1 zu 31.47 Mio. Jeder Tipp kostet (Stand 2021) 2.50 CHF, allerdings muss man zwingend mindestens zwei Tipps abgeben. Um den Jackpot sicher zu knacken, müsste man also 78.68 Mio CHF für Tipps investieren, bekommt historisch aber maximal 48.6 Mio CHF heraus. Der sogenannte «Erwartungswert» für jeden eingesetzten Franken beträgt also im Bestfall etwa 61.77% des Einsatzes, wobei im Durchschnitt über alle Gewinnklassen hinweg aber nur 54.5% der Einsätze wieder ausgeschüttet werden. Anders herum ausgedrückt: von jedem Euro Einsatz werden dir garantiert mindestens 38.23% «Steuern» abgezogen, im Durchschnitt gar 45.5%. Die Chance überhaupt irgendetwas zurück zu erhalten liegt bei gerade einmal 3.19%.
  • Das in mehreren Ländern verfügbare Euromillions gibt dir eine Gewinnwahrscheinlichkeit für den Jackpot von 1 zu 139.8 Mio, funktioniert also unter dem Strich ähnlich wie das deutsche Zahlenlotto. Da sich die Gewinnklassen aber anders aufteilen, resultiert am Ende eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 7.71% über alle Gewinnklassen hinweg. Ausgeschüttet werden wie bei den anderen Lotterien aber nicht mehr als 50%. Generell ist das System erheblich komplexer.

Was die Sachlage noch verschlimmert, ist der Umstand, dass im blödesten aller Momente dann gerne gleich mehrere Spieler gleichzeitig den Jackpot knacken, so dass dieser auf alle Spieler gleichmässig verteilt wird. Das setzt den Erwartungswert nochmals erheblich herab.

Was mit der Deppensteuer gemacht wird

Das ist das Kränzchen, das ich für alle passionierten Lottospieler winden möchte: hier in der Schweiz wird ein grosser Teil des durch die staatlichen Lotteriegesellschaften erwirtschafteten Geldes an die Kantone ausgeschüttet, die das Geld überwiegend zur sogenannten Sportförderung nutzen. Das bedeutet, dass der Sportverein in deiner Wohngemeinde den deine Kinder besuchen, jedes Jahr beim Kanton für jeden Fussball, für jedes Netz und für jeden Sportevent (und für viele andere Dinge mehr, die den Rahmen dieses Artikels sprengen) einen Zuschuss beantragen kann.

Sei also dankbar für jeden Lottospieler in deinem Umfeld, wenn du in irgendeinem Sportverein Mitglied bist oder Angehörige hast, die dort Mitglied sind, denn sie helfen effektiv die Vereinsbeiträge zu senken bzw. bestimmte Events überhaupt erst zu ermöglichen.

Wie man die Einsätze sinnvoller nutzen könnte

Sinnvollerweise, wenn man nicht allzu altruistisch veranlagt ist, sollte man das Geld nachhaltiger für sich selbst einsetzen, um auf einen entspannten (oder wenigstens entspannteren) Lebensabend hinzuarbeiten. Wenn ein Haushalt bei jeder Ziehung mitspielt (und das tun die meisten, die regelmässig spielen) und nur zwei Tipps abgibt (heisst in der Schweiz: mindestens 10 CHF pro Woche verzockt), dass jährlich 520 CHF verspielt werden, die im langjährigen Durchschnitt gerade einmal 16.60 CHF «einbringen».

  • In 30 Jahren sind das Einsätze in Höhe von 15’600 CHF
  • In 35 Jahren sind das Einsätze in Höhe von 18’200 CHF
  • In 40 Jahren sind das Einsätze in Höhe von 20’800 CHF

Würde man stattdessen dieselbe Summe in einem Sparplan auf einen Weltportfolio-ETF monatlich anlegen, der im langjährigen Mittel nur 6.5% pro Jahr Rendite erbrächte (und das ist sehr konservativ geschätzt), würden aus denselben Einsätzen folgende Summen werden (Quelle: https://www.zinsen-berechnen.de/sparrechner.php):

  • Nach 30 Jahren: 48’190 CHF
  • Nach 35 Jahren: 69’717 CHF
  • Nach 40 Jahren: 99’485 CHF

Wandelt man dieses Kapital am Ende in eine monatliche Rente um (ich nehme als Bezugszahl 4% pro Jahr an, woraus im Regelfall eine sogenannte «ewige Rente» werden würde, weil das Kapital mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90% bis zum Tode niemals aufgebraucht würde), käme daraus eine Aufbesserung der Rente heraus über:

  • Bei 30 Jahren Anlagezeitraum: 160 CHF / Monat
  • Bei 35 Jahren Anlagezeitraum: 232 CHF / Monat
  • Bei 40 Jahren Anlagezeitraum: 332 CHF / Monat

Ich könnte es auch so ausdrücken: wenn du dir das Lottospielen während der Erwerbsphase verkneifst, könntest du später im Alter für beliebige Vereine als Gönner in Erscheinung treten und diesen auf dem Weg direkter Spenden einen vielfachen Nutzen zukommen lassen (und nebenbei auch noch Steuern sparen).

Spieltrieb gegen Lebensqualität

Effektiv zocken ausnahmslos alle Lottospieler also mit sehr hohen Einsätzen, selbst wenn diese auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Faktisch spielt die Mehrheit aller Lottospieler immer dieselben Zahlen, ein Leben lang, denn die Furcht ist immer dabei, dass irgendwann eine Zahlenkombination zum Hauptgewinn führen könnte, die man in der Vergangenheit bereits gespielt und dann verworfen hat. Bei einer «Sieg»wahrscheinlichkeit, wie sie bei Euromillions und deutschem Lotto gegeben ist, müsste man also bei zwei Ziehungen pro Woche, also 104 Ziehungen pro Jahr, über 1’344’596 Jahre spielen, um statistisch «sicher» wenigstens einmal den Hauptgewinn kassiert zu haben. Selbst für die zweite Gewinnklasse in jedem Lottosystem, die ja immerhin auch noch einen Millionengewinn vor Steuern garantieren würde, müsste man absurd lange Zeiträume mitspielen – in jedem Fall wesentlich länger als die längste auf der Welt zurückzuverfolgende Erblinie, gar länger als es die Gattung «homo sapiens» überhaupt auf Erden gibt.

Dem gegenüber steht eine praktisch garantierte Aufbesserung der Rente, die für die meisten Menschen eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität bedeuten würde. Hinzu kommt noch, dass viele derjenigen, die regelmässig jammern «ich habe nicht genug übrig, um in Säule 3a zu sparen» zu den hartnäckigsten Lottospielern gehören (dass erschreckend viele ausserdem Raucher sind, ignoriere ich heute ausnahmsweise). Dass dieselben Mitmenschen es „nicht so mit Statistik haben“ zeigt sich gleichfalls an der grandiosen Überschätzung anderer Risiken. Die derzeitige Pandemielage treibt diese verzerrte Wahrnehmung nur auf die Spitze.

Fazit

Hoffentlich habe ich dir heute deutlich genug vor Augen geführt, warum es wirklich nicht anders als doof genannt werden kann regelmässig Lotto zu spielen. Es gibt eigentlich nur exakt zwei Ausnahmen, in denen es wirtschaftlich sein kann (viele Ausrufezeichen hier), ausnahmsweise einmal einen Tipp abzugeben: zumindest in der Theorie ermöglicht das Schweizer Lottosystem einen positiven Erwartungswert (das heisst, der zu erwartende Gewinn ist höher als der Einsatz), und im Deutschen Zahlenlotto gab es zumindest in der Vergangenheit einmal Sonderziehungen, bei denen Jackpots auf alle Mitspieler zwangsweise ausgeschüttet wurden, die vom eigentlichen Gewinner seltsamerweise nie abgeholt wurden. Auch diese Sonderausschüttungen haben den Erwartungswert deutlich gepusht, teilweise sogar auf sehr deutlich über 100% in Relation zum Einsatz.

In allen normalen Fällen ist es nüchtern betrachtet jedoch einfach nur doof Lotto zu spielen (übrigens gilt das auch für ausnahmslos alle sonstigen Arten von Lotterien, die naturgemäss weniger als 100% der Einsätze wieder ausschütten). Hedonistisch betrachtet mag ich den Reiz und den Nervenkitzel ja durchaus verstehen, als rationaler Mensch bleibt mir aber nichts anderes übrig als beim Titel «Deppensteuer» für jedes Lotteriesystem zu bleiben.

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